Buchkritik: Dan Diner “Versiegelte Zeit”

Geschrieben von Felix Struening am 28. Januar 2008 | Abgelegt unter Buchbesprechungen

Interessanter Erklärungsansatz – leider ohne die nötige Konesequenz aus Fakten Schlüsse zu ziehen!

Warum wird in der arabisch-islamischen Welt die Meinungs- und Pressefreiheit missachtet? Warum gibt es dort keine funktionierende Demokratie? Warum wird immer wieder gegen die Menschenrechte verstoßen? Sind die Länder des Nahen und Mittleren Ostens so rückständig und ist der Islam daran schuld? Fragen, die zu heißen Debatten und unterschiedlichsten Ansätzen führen.

Soziokulturelle Gründe

So z.B. der Standpunkt, wie ihn der Historiker Dan Diner vertritt: Er sucht nach den Ursachen für den Stillstand in der islamischen Welt vor allem in den gesellschaftlichen und soziokulturellen Bedingungen, nicht aber in der Religion selbst. Das Vorhandensein eines Rückstandes in der Region macht er an dem seit 2002 jährlich durch die Vereinten Nationen herausgegebenen ‚Arab Human Development Report’ fest, der den arabisch-muslimischen Staaten ein starkes Bildungsdefizit vorhält. Als Gründe für diesen Rückstand sieht Dan Diner vor allem die sakrale Versiegelung des Hocharabischen, das als Sprache des Koran nicht verändert werden darf. Die späte Einführung des Buchdruckes verlangsamte zudem die Wissensverbreitung und durch den Erdölreichtum ist Arbeiten und damit verbundener Wissenserwerb nicht vorrangig. Auch wird der gesellschaftliche Idealzustand in der Vergangenheit gesehen, zu Zeiten des Propheten Mohammed und der vier rechtgeleiteten Kalifen. Die dadurch implizierte Rückwärtsgewandtheit blockiere die Entwicklung, so der Autor.

„1924 ist das Schlüsseljahr zum Verständnis der Krise der islamischen Welt.“

Dan Diners Fehlersuche bleibt auf die Auswirkungen beschränkt und greift damit viel zu kurz. Immer wieder weist er darauf hin, dass der Islam der Schlüssel zum Verständnis ist, benutzt ihn aber nicht. So z.B. wenn er von 1924 und der Gründung der Türkischen Republik durch Kemal Atatürk spricht oder richtig feststellt: „Dies schon allein deshalb nicht, weil der Islam in seiner Bedeutung als Gesetzesreligion auch eine Religion der Herrschaft, also eine politische Religion ist.“ Desweiteren unterschlägt Dan Diner Modernisierungen der Sprache, wie etwa das in den Medien häufig verwendete Modern-Hocharabisch. Schließlich bieten seine Definitionen zwar sinnvolle Ansätze, bleiben aber leider schwammig: „Mit Säkularisierung ist auch die kognitive Durchdringung und intellektuelle Aneignung der Lebenswelten gemeint, die dem Menschen ansonsten fremd und unverstanden gegenüberstehen.“

These greift zu kurz

Insgesamt bleibt ‚Versiegelte Zeit’ ein sehr interessanter Ansatz, dem auch seine halbwissenschaftliche Essayform sehr gut bekommt. Dennoch fehlt an vielen Stellen die nötige Konsequenz, aus den dargebotenen Fakten entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Dan Diner: Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt, Propyläen Verlag, 2005, ISBN: 3549072449, 22.00 €

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